Tysk artikkel om Andersgrotta
Sehr geehrte Damen und Herren,
am 03.07.06 waren meine Frau und ich gemeinsam mit einem norwegischen und einem dänischen Ehepaar Gast in der Gedenkstätte Andersgrotte.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Deutschen 60 Jahre nach Kriegsende noch derart emotional und undifferenziert als Tätervolk dargestellt werden und dass Stalin im hohen Norden Europas noch heute hoch verehrt wird.
Allerdings hatte mich schon 1991 bei meinem ersten Besuch in Norwegen ein Däne gewarnt mit den Worten: "Die können euch da oben nicht leiden". Ich fühlte mich sehr beschämt, und wir sind noch am gleichen Tag nach Finnland ausgereist. Ich finde es unfair, wenn wir als Nachkriegsgeborene 60 Jahre nach Kriegsende und nach 45 Jahren sowjetischer Besatzung noch indirekt als Nazi stigmatisiert werden.
Der in der Andersgrotte gezeigte Film erinnert mich an die Sowjepropaganda der 50er Jahre. Er ist so einfach konzipiert wie unsere damaligen Schulbücher. Deutschen Soldaten waren darin ohne Ausnahme böse und brutal.
Dagegen haben die Sowjetsoldaten immer Kinder aus brennenden Häusern gerettet. Während des Krieges hat es aber auch Massaker, Plünderungen und Vergewaltigungen durch Sowjetsoldaten gegeben. Zeitzeugen haben mir davon glaubhaft berichtet. Sieger und Befreier sprechen nicht gern über eigene Verfehlungen.
Die Bilder mit den fanatisch jubelnden Deutschen vermitteln den Eindruck, dass ausnahmslos alle Deutchen den Krieg wollten.
Da ich selbst über Jahre wider Willen an Tribünen vorbeimarschieren musste, weiß ich, dass derartige Inszenierungen in Diktaturen nicht die wirkliche Gesinnung aller Beteiligten widerspiegeln.
1968 musste meine Generation erleben, wie russische Panzer in Prag unseren Traum von etwas mehr Freiheit niederwalzten. Einige meiner Freunde waren damals als Soldaten dabei. Sie hatte keine Chance den Einsatz zu verweigern. Ähnlich wird es einem Teil der deutschen Besatzer in Norwegen ergangen sein. Sie wurden im Namen Deutschlands sinnlos für eine schlechte Sache geopfert.
Diese Option habe ich in der Andersgrotte vermisst. Es ist unbestritten, dass Europa vor allem von russischen Soldaten unter riesigen Opfern von der Nazidiktatur befreit wurde. Richtig ist aber auch, dass in Osteuropa die braune Diktatur Hitlerdeutschlands durch die rote Sowjetdiktatur ersetzt wurde. Ich kann deshalb nicht nachvollziehen, warum es der Guide in der Andersgrotte so sehr bedauerte, dass die Sowjetsoldaten nicht länger in Norwegen geblieben sind. Gern hätte ich dem freundlichen jungen Mann einige Jahre meiner unfreiwilligen Zugehörigkeit zum Sowjetimperium abgegeben. Die Norweger hatten das Glück, nach dem Krieg im Schutz der Engländer und Amerikaner auf der westlichen Seite der Welt zu verbleiben. Sie sollten der NATO dankbar sein.
Die Aussage, dass Stalin den Pakt mit Hitler lediglich zur Rettung des Friedens geschlossen hat, ist eine Halbwahrheit. Wenn Stalin nur den Frieden sichern wollte, dann wären die Balten nach Kriegsende wieder in die Freiheit entlassen worden, Polen wäre nicht mit einer gewaltigen Umsiedlung nach Westen verschoben worden und die Finnen hätten ihre Territorien zurückerhalten. Die Sowjetmacht war leider nicht so gut und friedliebend wie sie in der Andersgrotte dargestellt wird.
Den Gestaltern der Gedenkstätte empfehle ich dazu einen Erfahrungsaustausch mit osteuropäischen Völkern.
Auch der Vergleich des Bombenangriffs auf Dresden mit den Bombenangriffen auf Kirkenes ist fragwürdig. Weder bei Ziel und Zweck der Bombardements noch bei der Opferzahl gibt es zwischen beiden Städten Ähnlichkeiten oder Parallelen.
In der Hoffnung, dass Sie den Text lesen werden und dass Sie meinen Frust gelassen aufnehmen, verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen
Matthias Klengel
Dresden, d. 19.11.06
am 03.07.06 waren meine Frau und ich gemeinsam mit einem norwegischen und einem dänischen Ehepaar Gast in der Gedenkstätte Andersgrotte.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Deutschen 60 Jahre nach Kriegsende noch derart emotional und undifferenziert als Tätervolk dargestellt werden und dass Stalin im hohen Norden Europas noch heute hoch verehrt wird.
Allerdings hatte mich schon 1991 bei meinem ersten Besuch in Norwegen ein Däne gewarnt mit den Worten: "Die können euch da oben nicht leiden". Ich fühlte mich sehr beschämt, und wir sind noch am gleichen Tag nach Finnland ausgereist. Ich finde es unfair, wenn wir als Nachkriegsgeborene 60 Jahre nach Kriegsende und nach 45 Jahren sowjetischer Besatzung noch indirekt als Nazi stigmatisiert werden.
Der in der Andersgrotte gezeigte Film erinnert mich an die Sowjepropaganda der 50er Jahre. Er ist so einfach konzipiert wie unsere damaligen Schulbücher. Deutschen Soldaten waren darin ohne Ausnahme böse und brutal.
Dagegen haben die Sowjetsoldaten immer Kinder aus brennenden Häusern gerettet. Während des Krieges hat es aber auch Massaker, Plünderungen und Vergewaltigungen durch Sowjetsoldaten gegeben. Zeitzeugen haben mir davon glaubhaft berichtet. Sieger und Befreier sprechen nicht gern über eigene Verfehlungen.
Die Bilder mit den fanatisch jubelnden Deutschen vermitteln den Eindruck, dass ausnahmslos alle Deutchen den Krieg wollten.
Da ich selbst über Jahre wider Willen an Tribünen vorbeimarschieren musste, weiß ich, dass derartige Inszenierungen in Diktaturen nicht die wirkliche Gesinnung aller Beteiligten widerspiegeln.
1968 musste meine Generation erleben, wie russische Panzer in Prag unseren Traum von etwas mehr Freiheit niederwalzten. Einige meiner Freunde waren damals als Soldaten dabei. Sie hatte keine Chance den Einsatz zu verweigern. Ähnlich wird es einem Teil der deutschen Besatzer in Norwegen ergangen sein. Sie wurden im Namen Deutschlands sinnlos für eine schlechte Sache geopfert.
Diese Option habe ich in der Andersgrotte vermisst. Es ist unbestritten, dass Europa vor allem von russischen Soldaten unter riesigen Opfern von der Nazidiktatur befreit wurde. Richtig ist aber auch, dass in Osteuropa die braune Diktatur Hitlerdeutschlands durch die rote Sowjetdiktatur ersetzt wurde. Ich kann deshalb nicht nachvollziehen, warum es der Guide in der Andersgrotte so sehr bedauerte, dass die Sowjetsoldaten nicht länger in Norwegen geblieben sind. Gern hätte ich dem freundlichen jungen Mann einige Jahre meiner unfreiwilligen Zugehörigkeit zum Sowjetimperium abgegeben. Die Norweger hatten das Glück, nach dem Krieg im Schutz der Engländer und Amerikaner auf der westlichen Seite der Welt zu verbleiben. Sie sollten der NATO dankbar sein.
Die Aussage, dass Stalin den Pakt mit Hitler lediglich zur Rettung des Friedens geschlossen hat, ist eine Halbwahrheit. Wenn Stalin nur den Frieden sichern wollte, dann wären die Balten nach Kriegsende wieder in die Freiheit entlassen worden, Polen wäre nicht mit einer gewaltigen Umsiedlung nach Westen verschoben worden und die Finnen hätten ihre Territorien zurückerhalten. Die Sowjetmacht war leider nicht so gut und friedliebend wie sie in der Andersgrotte dargestellt wird.
Den Gestaltern der Gedenkstätte empfehle ich dazu einen Erfahrungsaustausch mit osteuropäischen Völkern.
Auch der Vergleich des Bombenangriffs auf Dresden mit den Bombenangriffen auf Kirkenes ist fragwürdig. Weder bei Ziel und Zweck der Bombardements noch bei der Opferzahl gibt es zwischen beiden Städten Ähnlichkeiten oder Parallelen.
In der Hoffnung, dass Sie den Text lesen werden und dass Sie meinen Frust gelassen aufnehmen, verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen
Matthias Klengel
Dresden, d. 19.11.06
